Bildungsbegriffe

Stichworte: Bildungstheorien, Bildungsziele, Selbst- und Mitbestimmung

Zu Beginn der Entwicklung des Bildungsbegriffs steht in der Antike der Begriff Paideía (Erziehung) dafür, was im weiteren Verlauf bis in die Gegenwart unter Bildung verstanden wird. Zunächst beschreibt Paideía die Technik des Erziehens, somit einen Prozess (erzogen zum), später allerdings das Ergebnis der Erziehung, also das Produkt (erzogen als). Im antiken Bildungsideal werden (alle in der jeweiligen Gesellschaft für „bildungsfähig“ erachteten) Menschen mithilfe der verschiedenen Wissenschaften – empirisch-analytisch (z.B. nach Platon: Mathematik) und hermeneutisch-phänomenologisch (z.B. nach Isokrates: Literatur) – zu gebildeten und (für das Staats- bzw. Gemeinwohl) „nützlichen“ Bürger*innen erzogen. Dabei strebt Allgemeinbildung keine Spezialisierung des Individuums zu einer Fachkraft an, sondern stellt den Menschen selbst und auch das verbindende Wort in den Mittelpunkt (vgl. Hörner 2010: S. 16f.).

Im Zuge der europäischen Aufklärung ruft der Philosoph Immanuel Kant dazu auf, dass sich die Menschen ihres eigenen Verstandes bedienen sollten. Sie sollen nicht mehr kritiklos rezipieren und Folge leisten, sondern ihrer Vernunft gemäß handeln und sich auf ihr eigenes Urteil verlassen: Indem es sich bildet, soll sich das Individuum aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit befreien und sein Leben eigenständig führen können. Infolgedessen das Individuum die eigene Trägheit und Ängste überwindet und sich aus der Unmündigkeit befreit, trägt es zudem zum Gemeinwohl bei (vgl. Fuchs 2019: S. 64f.). Mit dem deutschen Neuhumanismus erfolgt schließlich eine Fokussierung auf die Bildung des einzelnen Individuums, woran Wilhelm von Humboldt zentral beteiligt ist. Der Humboldtsche Bildungsbegriff umfasst nicht weniger als die Ausbildung des gesamten spezifischen Potenzials eines jeden Individuums. Diese jeweilige Selbstbildung ist der Lebenssinn aller Menschen und der Weg zur vollkommenen Individualität, wobei diese nicht der einzelnen Person diene, sondern der gesamten Menschheit. Der Bildungsweg zur Individualität ist geprägt von einem Wechselspiel des Individuums mit der Welt und soll allen Menschen ermöglicht werden. Denn erst durch Bildung könne das Individuum die in ihm angelegten Potenziale vollkommen ausschöpfen, sich im jeweils eigenen Möglichkeitsraum zu einem Idealbild der Menschheit entwickeln und diese somit maßgeblich bereichern (vgl. ebd.: S. 122f.).

Eine weitere zentrale Definition des Bildungsbegriffs geht aus der Kritisch-Konstruktiven Didaktik  Wolfgang Klafkis hervor. In Anlehnung an Humboldt versucht Klafki, Individuum und Welt ebenfalls in einem wechselseitigen Spiel zu vereinen, indem er die Zweiteilung der Bildung in formal (die Kräfte) und material (die Inhalte) überwindet: Während sich der Mensch die Welt nach seinen eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten zu erschließen versucht, ist er gleichzeitig ein Bestandteil ebendieser Welt (kategorial) (vgl. Hörner 2010: S. 55). Klafki zufolge solle Bildung drei Grundfähigkeiten beinhalten: Jedes einzelne Individuum solle befähigt sein, über sein eigenes Leben selbst entscheiden und das gesellschaftliche Leben mitbestimmen zu können. Zudem solle sich das einzelne Individuum für jene Individuen einsetzen, denen das Recht auf Selbst- und Mitbestimmung verwehrt bleibt. Anknüpfend daran definiert Klafki Bildung als Allgemeinbildung, welche für alle Menschen sei, jede Person gleichermaßen betreffende Frage- und Problemstellungen behandle und in Hinblick auf die garantierte freie Persönlichkeitsentfaltung alle Grunddimensionen menschlicher Fähigkeiten und Interessen anspreche und fördere (vgl. ebd.: S. 63).

Bildungstheorien wie die Wilhelm von Humboldts und Wolfgang Klafkis versuchen, den weiten Begriff Bildung zu fassen und Bildungsziele näher zu bestimmen, wobei auch die Aufgabe von Schule und Lehrpersonen, andere Menschen zu bilden (Inhalte, Methoden, etc.), im Mittelpunkt steht. Deswegen sind der Bildungsbegriff sowie dessen Bestimmung(en) von besonderer Bedeutung für die Pädagogik und die Lehrkräftebildung, aber auch für die jeweiligen Unterrichtsfächer (vgl. z.B.  Heymann 1996). Resultierend aus Definition(en) von Bildung ergibt sich die Relevanz und damit auch die Rechtfertigung von vermittelten Inhalten, vermittelnden Methoden und des Lehrberufs selbst für (angehende) Lehrkräfte und Schüler*innen.

Der Bildungsbegriff wird heute meist durch den der Kompetenzen ergänzt, da letztere beispielsweise im Gegensatz zu Bildung in erster Linie anwendungsbezogen und zweckgebunden sind. Dadurch sind sie messbar, ohne den Bildungsbegriff wirklich überflüssig werden zu lassen. Im Rahmen von gesellschaftlichen Entwicklungen (beispielsweise der Digitalisierung oder der gewünschten Inklusion in der Schule) verändern sich Bildungsinhalte, nicht jedoch die Bildungsziele.

Materialien aus dem Text für den Einsatz in der Lehre

 Wolfgang Klafkis Bildungsbegriff in Klafki, Wolfgang (1990): Abschied von der Aufklärung? Grundzüge eines bildungstheoretischen Gegenentwurfs. In: Krüger, Heinz-Hermann: Abschied von der Aufklärung? Perspektiven der Erziehungs-wissenschaft (S. 91–104). Opladen: Leske +Budrich.
Klafki, Wolfgang (1996): Neue Studien zur Bildungstheorie und Ddaktik. Zeitgemäße Allgemeinbildung und kritisch-konstruktive Didaktik (5. Aufl.). Weinheim und Basel: Beltz Verlag. (PDF)

Forschungsfenster aus dem Text im Überblick

Forschungsfenster sind auf zwei Seiten zusammengefasste Studienergebnisse aus relevanter Forschung für die Lehrkräftebildung.

 Heymann, H. W. (1996): Entwurf eines Allgemeinbildungskonzepts als Orientierungsrahmen. In: Heymann: Allgemeinbildung und Mathematik, Beltz Verlag, S. 50 – 130. (PDF)

Literatur

Fuchs, Brittag (2019): Geschichte des pädagogischen Denkens. Opladen & Toronto: Verlag   Barbara Budrich.

Heymann, Hans Werner (1996): Allgemeinbildung und Mathematik. Studien zur        Schulpädagogik und Didaktik, Band 13. Weinheim und Basel: Beltz Verlag.

Hörner, Wolfgang (2010): Bildung. In: Hörner, Wolfgang; Drinck, Barbara & Jobst, Solvejg     (Hrsg.): Bildung, Erziehung, Sozialisation. Grundbegriffe der Erziehungswissenschaft (2. Auflage) (S. 9–71). Opladen & Farmington Hills: Verlag Barbara Budrich.

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