Deutsch/Schreiben

Nicole Lüke

Doktorandin:
Nicole Lüke
lueke@germsem.uni-kiel.de
Germanistisches Seminar
Deutsche Philologie/
Didaktik der deutschen Sprache

Betreuer:
Prof. Dr. Jörg Kilian
Germanistisches Seminar
Deutsche Philologie/
Didaktik der deutschen Sprache

Laufzeit des Projekts: 2015-2018
Ergebnisse Frühjahr 2018 (PDF)


„Entwicklung eines Messinstrumentes für den Kompetenzbereich Schreiben“

Die Hinwendung zur Untersuchung der kognitiven Prozesse von Lehrkräften markiert den Übergang von der Verhaltensforschung von Lehrkräften, dem sogenannten Prozess-Produkt-Paradigma, hin zur Kognitionsforschung, dem sogenannten Expertenparadigma. Den Anstoß zu dieser Art der Kognitionsforschung von Lehrkräften gibt Shulman (1986, S. 8) mit seiner vieldiskutierten Modellierung des Wissens von Lehrkräften. Er unterteilt das Wissen der Lehrkräfte in drei große Kategorien: in das Fachwissen (subject matter content knowledge), das Pädagogische Wissen (pedagogical content knowledge) und in das Curriculare Wissen (curricular knowledge). Das hier vorgestellte Projekt nimmt zwei dieser drei Wissensbereiche in den Blick: Das Fachwissen und das fachdidaktische Wissen der angehenden Lehrkräfte. Hauptanliegen des Promotionsprojektes ist die Entwicklung und Pilotierung eines Messinstrumentes, um das Wissen der Deutschstudierenden im Kompetenzbereich Schreiben möglichst verzahnt erfassen zu können (= Was wissen die angehenden Deutschlehrkräfte?). Um dieses Ziel zu erreichen, wurden von 2014-2018 folgende Fragen beantwortet:

  1. Was sollten die angehenden Lehrkräfte wissen? (= inhaltliche Annäherung an das Professionswissen angehender Deutschlehrkräfte im Kompetenzbereich Schreiben)
  2. Wie lässt sich dieses Wissen in realitätsnahe Testaufgaben überführen?
  3. Wie ist dieses Wissen strukturiert (= lassen sich die oben erwähnten Annahmen Shulmans in Bezug auf einzelne Wissensbereiche bestätigen?)

Für das Fach Deutsch existieren bereits einige Messinstrumente, auf die im Rahmen der Testentwicklung zurückgegriffen werden konnte. Die bekanntesten Studien sind die Teilprojekte der interdisziplinären Projekte TEDS-LT (Bremerich-Vos et al. 2011) und FALKO (Pissarek und Schilcher 2017). Beide Projekte verfolgen das Ziel, das Fach Deutsch in seiner gesamten Breite in Testitems zu überführen. Um aus den Ergebnissen präzisere Aussagen ableiten zu können, nimmt das im Rahmen des Promotionsprojektes entwickelte Messinstrument lediglich einen Teilbereich des Faches, den Kompetenzbereich Schreiben, in den Blick.

Methodisches Vorgehen

  1. Durchführung einer bundesweiten curricularen Analyse
  2. Modellierung des Professionswissens im Kompetenzbereich Schreiben u.a. in Anlehnung an Shulman (1986)
  3. Operationalisierung (=Überführen der ermittelten Inhalte in Testitems)
  4. Augenscheinvalidierung der Items durch Expertinnen und Experten aus Schule und Hochschule
  5. Erstellen von Laut-Denken-Protokollen mit Studierenden der Zielpopulation (= Masterstudierende des Faches Deutsch)
  6. Entwicklung eines ausführlichen Kodiermanuals
  7. Mehrschrittige Pilotierung der entwickelten Items
  8. Online-Befragung von Expertinnen und Experten aus Schule und Hochschule, um mehr über die Struktur des Professionswissens im Kompetenzbereich Schreiben zu erfahren

Ergebnisse der Pilotierung

Im Rahmen des Promotionsvorhabens wurden Items zum fachlichen sowie zum fachdidaktischen Wissen entwickelt, die jeweils über einen gemeinsamen Inhaltsbereich verzahnt sind. Das Messinstrument für den Kompetenzbereich Schreiben ist in vier Subtests (Grammatik, Texttheorie, Kommasetzung und Rechtschreibung) unterteilt. Der Test besteht aus 67 Aufgaben und ist objektiv, reliabel sowie inhaltlich valide. Darüber hinaus ist er alltagstauglich, was bedeutet, dass alle Aufgaben im Rahmen regulärer Vorlesungen bzw. Seminarsitzungen (90 Minuten) bearbeitet werden können. Für alle Testaufgaben liegt eine ausführliche Kodieranleitung vor, auf die im Sinne einer objektiven Auswertung zurückgegriffen werden sollte. Obwohl der Wissenstest in Kiel entwickelt und pilotiert wurde, ist er nicht standortgebunden. Die Inhalte orientieren sich an den bundesweit gültigen KMK-Standards für Schule (2003, 2004, 2012) und Hochschule (2017). Der Test kann eingesetzt werden, um einen Einblick darüber zu erlangen, über welches Wissen Deutschstudierende am Ende des Studiums verfügen. Auf diese Weise können Stärken und Defizite der Lehrerinnen- und Lehrerbildung identifiziert und bei einer Weiterentwicklung berücksichtigt werden.

Erste Befunde für das Fach Deutsch

Es ist ein deutlicher Wissenszuwachs der Deutschstudierenden vom ersten Bachelor- bis zum letzten Mastersemester zu verzeichnen: Während die Abiturientinnen und Abiturienten, die sich für ein Deutschstudium entschieden haben, in der Lage sind, im Schnitt etwa 26% der Testaufgaben korrekt zu lösen, bearbeiten die Bachelorstudierenden durchschnittlich knapp 40% der Aufgaben erfolgreich. Das Wissen der Masterstudierenden ist zwar umfangreicher als das der Bachelorstudierenden, der Wissenszuwachs ist aber nicht ganz so hoch wie zwischen den Abiturientinnen und Abiturienten und den Studierenden im Bachelorstudiengang. Die Masterstudierenden lösen durchschnittlich fast die Hälfte der vorgelegten Aufgaben (48%). Aufgrund dieser Ergebnisse ist davon auszugehen, dass ein nicht unbedeutender Teil des für die Schulpraxis relevanten Wissens in den Einführungsveranstaltungen erworben wird. Am leichtesten fällt allen Studierenden die Beantwortung der Orthographie-Aufgaben, die größten Probleme bereiten den angehenden Deutschlehrkräften Aufgaben zur Grammatik. Ein Unterschied zwischen Fach- und Lehramtsstudierenden ist in keinem Bereich festzustellen. Voraussetzung für die Beantwortung der fachdidaktischen Items ist in vielen Fällen ein profundes Fachwissen. Analog zu diesem Befund lassen sich auf Basis der gewonnenen Daten die Annahmen Shulmans von unterschiedlichen Wissensbereichen für den Kompetenzbereich Schreiben nicht bestätigen. Fachwissen und fachdidaktisches Wissen korrelieren so hoch, dass sie empirisch nicht in zwei Konstrukte zu separieren sind. Diese Beobachtungen sind jedoch lediglich als Tendenzen und nicht als Ergebnisse im eigentlichen Sinne aufzufassen, da die Daten im Rahmen der Pilotierung und somit mit einem (zum Erhebungszeitpunkt) statistisch noch nicht einwandfreien Instrument generiert wurden.

Literaturangaben

Bremerich-Vos, Albert; Dämmer, Jutta; Willenberg, Heiner; Schwippert, Knut (2011): Professionelles Wissen von Studierenden des Lehramts Deutsch. In: Sigrid Blömeke, Albert Bremerich-Vos, Helga Haudeck, Gabriele Kaiser, Günther Nold, Knut Schwippert und Heiner Willenberg (Hg.): Kompetenzen von Lehramtsstudierenden in gering strukturierten Domänen. Erste Ergebnisse aus TEDS-LT. Münster: Waxmann, S. 47–73.

Kultusministerkonferenz (2003): Bildungsstandards im Fach Deutsch für den Mittleren Schulabschluss. Beschluss vom 4.12.2003.

Kultusministerkonferenz (2004): Bildungsstandards im Fach Deutsch für den Hauptschulabschluss. Beschluss vom 15.10. 2004.

Kultusministerkonferenz (2012): Bildungsstandards im Fach Deutsch für die Allgemeine Hochschulreife. Beschluss vom 18.10.2012.

Kultusministerkonferenz (2017): Ländergemeinsame inhaltliche Anforderungen für die Fachwissenschaften und Fachdidaktiken in der Lehrerbildung. Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 16.10.2008 i. d. F. vom 16.03.2017.

Pissarek, Markus; Schilcher, Anita (2017): FALKO-D: Die Untersuchung des Professionswissens von Deutschlehrenden. Entwicklung eines Messinstrumentes zur fachspezifischen Lehrerkompetenz und Ergebnisse zu dessen Validierung. In: Stefan Krauss, Alfred Lindl, Anita Schilcher, Michael Fricke, Anja Göhring, Bernhard Hofmann et al. (Hg.): FALKO: Fachspezifische Lehrerkompetenzen. Konzeption von Professionswissenstests in den Fächern Deutsch, Englisch, Latein, Physik, Musik, Evangelische Religion und Pädagogik: mit neuen Daten aus der COACTIV-Studie. Münster, New York: Waxmann, S. 67–111.

Shulman, Lee (1986): Those Who Understand. Knowledge Growth in Teaching. In: Educational Researcher 15 (2), S. 4–14.

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