Kompetenzbegriffe / Kompetenzorientierung

Kompetenzen und die Orientierung an ihnen stellen einen zentralen Gegenstand der Bildungsdiskussion und daher auch des Lehramts-Studiums dar: angehende Lehrkräfte sollen zum einen selbst berufsrelevante Kompetenzen entwickeln, zum anderen sollen sie lernen, wie sie die Entwicklung von Kompetenzen bei Schüler*innen fördern und überprüfen können.

Eine klassische psychologische und auch im Bildungswissenschaftlichen Eingangsmodul für das Kieler Lehramtsstudium verwendete Definition von Weinert (2001) bezeichnet den Begriff als „die bei Individuen verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten oder Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen.“ Darin inbegriffen sind auch „die damit verbundenen motivationalen, volitionalen und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, um die Problemlösungen in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können“ (Weinert 2001, S. 27). Kompetenzen sind demnach lediglich in bestimmten Situationen beobachtbar. Zentral ist also der Blick auf die Zieldimensionen Problemlösungs- und Handlungsfähigkeit, die durch die Formulierung von Lernzielen operationalisier- und messbar gemacht werden können.

Es bestehen verschiedene Unterscheidungsmodelle von Kompetenzen. Allgemein konsensfähig ist eine Unterteilung von Kompetenzen in fachbezogene und überfachliche Fähigkeiten und Fertigkeiten, die beide zur Lösung bestimmter domänenspezifischer Probleme dienen. Sie werden somit nur in Verbindung mit Wissensinhalten entwickelt (vgl. Tenorth & Tippelt, 2012).

In der COACTIV-Studie von Baumert & Kunter (2011) [Link zum Forschungsfenster] wurden die für Lehrkräfte relevanten Kompetenzen zur Bewältigung beruflicher Anforderungen identifiziert. Dabei werden allgemeines pädagogisch-psychologisches Wissen [Link zum Forschungsfenster], Fachwissen und fachdidaktisches Wissen [Link zum Forschungsfenster] sowie Beratungswissen und Organisationswissen unterschieden, welche gemeinsam das sog. Professionswissen bilden. Darüber hinaus werden auch Überzeugungen und Werthaltungen sowie Motivation und Selbstregulation als zentrale Kompetenzen benannt, die alle von angehenden Lehrkräften erlernbar sind.

Diese beschriebenen Kompetenzen der Lehrkraft haben Einfluss auf die Unterrichtsqualität und diese wiederum auf die Leistung der Schüler*innen. Zur Messung der verschiedenen Kompetenzen stellten Blömeke, Gustafsson & Schavelson (2015) [Link zum Material] ein integratives Kompetenzmodell zum Entwicklungsverlauf von Kompetenzen in einem Kontinuum auf. Die Bewertung von Kompetenzen verläuft darin ausgehend von einer präzisen, analytischen Messung der kognitiven, affektiven und motivationalen Eigenschaften, die den zentralen situationsspezifischen Fähigkeiten – Wahrnehmen, Interpretieren, Entscheidungen treffen – zugrunde liegen. Diese werden wiederum in komplexen, realistischen Situationen beobachtbar und somit messbar [Link zu Modell]. Wie dieser Ansatz speziell für Lehrkräfte ausdifferenziert werden kann, erläutert Blömeke 2017 [Link zum Forschungsfenster] in einem weiteren Modell. Sie beschreibt darin die Einflussfaktoren auf die Leistung der Schüler*innen, die durch die Eigenschaften der Lehrkraft (s. o., Baumert & Kunter 2011), des Unterrichtens (inhaltliche Qualität, kognitive Aktivierung, Unterstützung der Schüler*innen, Classroom Management) und der individuellen Eigenschaften der Schüler*innen benannt werden.

Seit 2000/2001 erfolgte im Bildungssystem die Hinwendung zum Kompetenzbegriff im Wesentlichen durch die Einführung der PISA-Studien der OECD. Darin werden die Kompetenzen der Lernenden (z.B. Lesekompetenz, mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenz) und weniger das abrufbare Wissen (Sach- oder Methodenwissen) gemessen. Es kann hier von einem elementaren Paradigmenwechsel gesprochen werden, der sich von einer Input-Orientierung auf Lehrpläne, -mittel und -maßnahmen hin zu einer Output-Orientierung auf sogenannte Bildungsstandards vollzogen hat. Bildungsstandards greifen allgemeine Bildungsziele auf, während Lehrpläne detaillierte Lernziele und Lerninhalte beinhalten (vgl. Kultusministerkonferenz, 2004a, S. 17).

Für die Lehrkräftebildung sind ebenfalls Standards durch die Kultusministerkonferenz entwickelt worden, die zur Sicherung, Weiterentwicklung und Überprüfung schulischer Bildung sowie zur Förderung von Mobilität und Durchlässigkeit im deutschen Hochschulsystem dienen sollen. Die Standards für die Lehrkräftebildung liegen für die Bildungswissenschaften (vgl. Kulturministerkonferenz, 2004b) sowie für die Fachwissenschaften und die Fachdidaktiken vor und finden bereits Eingang in die Lehrkräftebildung (vgl. Kulturministerkonferenz, 2008).

 

Literatur

Baumert, J. & Kunter, M. (2011): Das Kompetenzmodell von COACTIV. In: Kunter M., Baumert, J., Blum, W., Klusmann, U., Krauss, S. & Neubrand, M. (Hrsg.): Professionelle Kompetenzen von Lehrkräften. Ergebnisse des Forschungsprogramms COACTIV (S. 29–53). Münster [u.a.]: Waxmann.

Blömecke S., Gustafsson J.-E. & Schavelson R.J. (2015). Beyond Dichotomies. Competence Viewed as a Continum. Zeitschrift für Psychologie 223 (1), S. 3–13 https://econtent.hogrefe.com/doi/pdf/10.1027/2151-2604/a000194 [05.02.2020].

Blömeke, S. (2017): Modelling teachers’ professional competence as a multi-dimensional construct. In: OECD: Pedagogical Knowledge and the Changing Nature of the Teaching Profession. Verfügbar unter: https://read.oecd-ilibrary.org/education/pedagogical-knowledge-and-the-changing-nature-of-the-teaching-profession_9789264270695-en#page121 [05.02.2020].

Kleickmann, T., Richter, D., Kunter, M., Elsner, J., Besser, M., Krauss, S. & Baumert, J. (2013): Teachers’ Content Knowledge and Pedagogical Content Knowledge. In: Journal of Teacher Education 64 (1), S. 90–106. Verfügbar unter: http://journals.sagepub.com/doi/pdf/10.1177/0022487112460398  [05.12.2020].

Kultusministerkonferenz (2004a): Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz. München, Neuwied: Luchterhand. Verfügbar unter: https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2004/2004_12_16-Bildungsstandards-Konzeption-Entwicklung.pdf [05.02.2020].

Kulturministerkonferenz (2004b): Standards für die Lehrerbildung: Bildungswissenschaften. Verfügbar unter: https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2004/2004_12_16-Standards-Lehrerbildung-Bildungswissenschaften.pdf [05.02.2020].

Kulturministerkonferenz (2008): Ländergemeinsame inhaltliche Anforderungen für die Fachwissenschaften und Fachdidaktiken in der Lehrerbildung. Verfügbar unter: https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2008/2008_10_16-Fachprofile-Lehrerbildung.pdf [05.02.2020].

Tenorth, H.-E. & Tippelt, R. (2012): BELTZ Lexikon der Pädagogik. Weinheim und Basel: Beltz Verlag.

Voss, T., Kunina-Habenicht, O., Hoehne, V. & Kunter, M. (2015): Stichwort Pädagogisches Wissen von Lehrkräften: Empirische Zugänge und Befunde. In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft (18), S. 187–223.

Weinert, F. E. (Hrsg.) (2001): Leistungsmessungen in Schulen. Weinheim und Basel: Beltz Verlag.

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