Lernprozesse und (fachspezifische) Lernschwierigkeiten

Wissen über Lernprozesse

Eine Auseinandersetzung mit den Themenfeldern Lernen, Lernprozesse und Lernschwierigkeiten findet im Rahmen des Lehramtsstudiums sowohl im Bereich der Pädagogik und pädagogischen Psychologie als auch den Fachdidaktiken aus jeweils eigenen Blickwinkeln statt. Im Folgenden wird der Versuch unternommen, eine Grundlage für eine die einzelnen Teilbereiche der Lehrkräftebildung verbindende Auseinandersetzung mit diesen Themen zu schaffen. Hierbei wird von den Inhalten der pädagogischen Grundlagenveranstaltungen in den ersten Semestern des Bachelorstudiums ausgegangen, die – so das Ergebnis des kohärenzbildenden Austausches zwischen Fachdidaktiken und Pädagogik – einen gemeinsamen Ausgangspunkt für im weiteren Verlaufe des Studiums entstehende fachdidaktische Überlegungen bilden.

Lernen und Lernprozesse

In der Entwicklung der Lernforschung können im Wesentlichen zwei Ansätze zu Lernprozessen voneinander abgegrenzt werden: Lernen als Verhaltensänderung und Lernen als Wissenserwerb.

In der verhaltensorientierten Lernforschung, die in der Tradition des Behaviorismus steht, ist Lernen als „Veränderung im Verhalten oder Verhaltenspotenzial eines Organismus in einer bestimmten Situation, die auf wiederholte Erfahrungen des Organismus in dieser Situation zurückgeht“ (Hildgard/Bower, 1983, S. 31), definiert. Untersucht werden in dieser Forschungsrichtung eindeutig beobachtbare Phänomene, bei denen auf einen bestimmten (wiederholten und wiederholbaren) Reiz eine veränderte Verhaltensreaktion auftritt. Es geht hierbei um die Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Reiz und Reaktion. Aus der Analyse von Reiz-Reaktions-Schemata resultierende Lerntheorien sind z.B. die klassische Konditionierung (vgl. Pawlow, 1926) und die operante Konditionierung (vgl. Skinner, 1938).

Ein Problem der behavioristischen Lernforschung ist, dass die zugrundeliegenden Abläufe im Gehirn der Lernenden mit derzeitigen Technologien nicht hinreichend beobachtbar und im Sinne dieser Forschungstradition somit auch nicht untersuchbar und erklärbar sind. Daher kommt es zur Vorstellung vom Gehirn als einer ‚Black Box‘ ( Die Lerntheorien des Behaviorismus).

Im Gegensatz zu dem eher mechanistischen Menschenbild des Behaviorismus, bei dem auf einen bestimmten Reiz eine bestimmte Reaktion erfolgt, steht die konstruktivistische Auffassung des Menschen als Subjekt, das sich seine eigene Realität erst konstruieren muss. Lernen ist in diesem Verständnis kein Prozess, der in erster Linie durch äußere Bedingungen (z.B. positive Verstärkung) gesteuert wird, sondern hängt maßgeblich von der Eigenaktivität der Lernenden ab. Somit wendet sich die moderne kognitionspsychologische Lernforschung explizit der zuvor ausgeklammerten ,Black Box‘ zu und versucht, Lernprozesse zu erklären. Nach diesem Verständnis ist Lernen „der Aufbau und die fortlaufende Modifikation von Wissensrepräsentationen im Gedächtnissystem“ (Krapp, 2012, S. 457).

Im Sinne des Konstruktivismus wird der lernende Mensch „als zielgerichtet Handelnder aufgefasst, der aktiv nach Informationen sucht, diese vor dem Hintergrund seines Vorwissens interpretiert und daraus neue Konzepte und Auffassungen über die Wirklichkeit ableitet“ (Hasselhorn & Gold, 2013, S. 66). Der mit Lernen verbundene Wissenserwerb stellt demnach einen individuellen Aufbauprozess und nicht (wie in behavioristischen Lerntheorien) einen Reiz-Reaktionsprozess dar. Wissen kann nach dieser Auffassung nicht einfach ‚weitergegeben‘ werden, sondern muss von den Lernenden stets neu konstruiert und in die bereits bestehenden Wissensstrukturen eingeordnet werden (vgl. Tenorth/Tippelt, 2012) ( Lernen aus der Sicht des Konstruktivismus).

LerntheorieBehaviorismusKonstruktivismus
Lernen alsVerhaltensänderungWissenserwerb
Lernen durchInstruktionKonstruktion
Lernen erfolgtpassiv/rezeptivaktiv/interpretativ
Fokus liegtauf dem Behaltenauf dem Verstehen
Lehren erfolgtaktiv/darbietendreaktiv/beratend
Tabelle 1: Zusammenfassende Gegenüberstellung behavioristischer und konstruktivistischer Auffassungen über Lehr-Lern-Prozesse
 Stimmen aus den Fächern: Dr. Lisa Tulaja (Fachdidaktik Dänisch) greift behavioristische 
und konstruktivistische Lerntheorien am Beispiel des Fremdsprachenunterrichts auf.

Was sind Lernschwierigkeiten?

Der Begriff Lernschwierigkeiten schließt alle Formen von Problemen mit dem (schulischen) Lernen ein. Immer wenn Lernende hinter den an sie im schulischen Kontext gestellten Anforderungen zurückbleiben, kann von Lernschwierigkeiten (learning difficulties) gesprochen werden ( Was sind Lernschwierigkeiten?).

Unter allen Schülerinnen und Schülern sind ca. 15% von Lernschwierigkeiten betroffen. Etwa 2,5% einer Jahrgangskohorte weisen derart starke Lernschwierigkeiten auf, dass sie einer sonderpädagogischen Förderung bedürfen (vgl. Heimlich, 2012, S. 474).

Durch den zunehmend inklusiven Unterricht – Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf werden an Regelschulen unterrichtet – sind Lehrkräfte herausgefordert, Kindern mit unterschiedlichen Lernschwierigkeiten im Rahmen des Regelunterrichts angemessen zu begegnen und diese individuell zu fördern. 

Zum Umgang mit Lernschwierigkeiten

Von schulorganisatorischer Seite gibt es verschiedene Möglichkeiten zum Umgang mit Lernschwierigkeiten. Sie reichen von einer Zurückstellung bei der Einschulung, dem Wiederholen von Klassen bis zur möglichst leistungshomogenen Zuweisung der (weiterführenden) Schulform. All diese Maßnahmen sind in den letzten Jahren in die Kritik geraten. Von Lehrkräften wird erwartet, dass sie auf Lernschwierigkeiten nicht mit Ausgrenzung reagieren, sondern bereits das Auftreten von Lernschwierigkeiten vermeiden – also Strategien der Prävention von Lernschwierigkeiten anwenden – und darüber hinaus Lernende mit Schwierigkeiten in ihren Unterricht einbeziehen (vgl. z.B. Gold, 2016)

Betrachtet man Lernen als Tätigkeit mit dem Ziel des Erwerbs von Kenntnissen und Fertigkeiten, sind dafür zahlreiche Einzelaktivitäten, wie Beobachten und Zuhören, aber auch grundlegende Kompetenzen wie Lesen, Schreiben und Rechnen nötig, um bspw. Sachverhalte zu recherchieren oder Textaufgaben zu lösen.

Bei gering ausgeprägten und vorübergehend auftretenden Lernschwierigkeiten in diesen Bereichen reichen oft relativ einfache Maßnahmen der Motivierung und Lernunterstützung durch Lehrer*innen, Eltern oder die Peer-Group aus. Schwerwiegendere oder länger andauernde Lernschwierigkeiten bedürfen einer professionellen Diagnostik und Förderung bzw. Therapie. Beispiele hierfür sind typische domänenspezifische Lernschwierigkeiten beim Lesen, Rechtschreiben oder im Umgang mit Zahlen. Bei domänenspezifischen Lernschwierigkeiten kann die Lernkompetenz in allen anderen Bereichen normal entwickelt sein.

Da Lernschwierigkeiten in vielen unterschiedlichen Bereichen auftreten können, kann auch die Förderung von Kindern mit Lernschwierigkeiten auf unterschiedlichen Ebenen ansetzen. Einerseits gibt es Förderprogramme, die überfachliche Ursachen von Lernschwierigkeiten – wie das Training des Langzeitgedächtnisses oder das allgemeine Einüben von Lernstrategien – in den Blick nehmen (sogenannte Funktionstrainings). Andererseits gibt es symptombezogene Interventionen, die die Lernenden bei konkreten Schwierigkeiten im Bereich der Basiskompetenzen Lesen, Schreiben oder Rechnen unterstützen. Hierfür existieren zahlreiche fachspezifische Trainingsprogramme, die kleinschrittig und vielseitig Lerninhalte wiederholen und vorhandene Lücken schließen. Auch gibt es beispielweise bestimmte fachliche Lerntechniken, die z.B. das Fremdsprachenlernen erleichtern. Für die alleinige Wirksamkeit allgemeiner Funktionstrainings gibt es bisher wenig empirische Evidenz. In Kombination mit domänenspezifischen Fördermaßnahmen scheinen sie jedoch sinnvoll zu sein (vgl. Gold 2016).

Materialien aus dem Text für den Einsatz in der Lehre

Die Lerntheorien des Behaviorismus

Lernen aus der Sicht des Konstruktivismus 

Was sind Lernschwierigkeiten?

Forschungsfenster aus dem Text im Überblick

Gold, A. (2016): Individuelle Förderung im Unterricht. In: Gold, A. Lernen leichter machen. Wie man im Unterricht mit Lernschwierigkeiten umgehen kann. Göttingen/Bristol: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 55-75.

Stimmen aus den Fächern

Dr. Lisa Tulaja (Fachdidaktik Dänisch) greift behavioristische und konstruktivistische Lerntheorien am Beispiel des Fremdsprachenunterrichts auf.

Literatur

Bower, G.H./Hilgard, E.R. (1983): Theorien des Lernens. Stuttgart: Klett-Kotta.

Gold, A. (2016). Lernen leichter machen. Wie man im Unterricht mit Lernschwierigkeiten umgehen kann. Göttingen und Bristol (USA): Vandenhoeck & Ruprecht.

Hasselhorn, M. & Gold, A. (2017). Pädagogische Psychologie. Erfolgreiches Lernen und Lehren. Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer.

Heimlich, U. (2012). Lernbehinderung und Lernstörung. In: H. E. Tenorth & R. Tippelt (Hg.). Belz Lexikon Pädagogik, Weinheim und Basel: Beltz Verlag, S. 474-475.

Krapp, A. (2012). Lehren und Lernen In: H.-E. Tenorth, & R. Tippelt (Hrsg.). Beltz Lexikon Pädagogik. Weinheim und Basel: Beltz, S. 454-457.

Pawlow, J.P. (1926/2006). Die höchste Nerventätigkeit von Tieren. [Nachdr. der] 3. Aufl. München: Bergmann.

Skinner, B. F. (1938). The behavior of organisms: An experimental analysis. New York: Appleton-Century.

Tenorth H. E. & Tippelt R. (2012, Hg.). Belz Lexikon Pädagogik, Weinheim und Basel: Beltz Verlag.

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