Erziehungswissenschaften

Doktorand:
Bastian Carstensen
bcarstensen@ipn.uni-kiel.de
Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissen-
schaften und Mathematik an der Universität Kiel (IPN)
Abteilung Erziehungswissenschaft

Betreuerinnen:
Prof. Dr. Uta Klusmann
Psychologie für Pädagogen
Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissen-
schaften und Mathematik an der Universität Kiel (IPN)
Abteilung Erziehungswissenschaft

Dr. Michaela Köller
Institut für Pädagogisch-Psychologische
Lehr- und Lernforschung (IPL)

Ergebnisse Frühjahr 2018 (PDF)


“Soziale Kompetenz angehender Lehrerinnen und Lehrer: Entwicklung eines forschungsbasierten Trainingsprogramms (SOKO-L)”

Junge Lehrkräfte beklagen sich häufig darüber, in ihrer universitären Ausbildung nicht genug auf die schulische Praxis vorbereitet worden zu sein. Häufigste Ursachen für diese Klagen sind Schwierigkeiten in der Interaktion mit Schülerinnen und Schülern und die damit einhergehende persönliche Belastung. Daneben zeigt die Forschung, dass die Qualität der sozialen Interaktionen zwischen Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern entscheidend für das Klassen- bzw. Lernklima, das subjektive Wohlbefinden von Lehrkräften sowie den Lernerfolg von Schülerinnen und Schülern ist (Cornelius-White, 2007). Aus diesem Grund entwickeln und evaluieren Prof. Dr. Uta Klusmann und Dipl.-Psych. Bastian Carstensen vom Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN) in Kooperation mit Dr. Michaela Köller von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) ein Training sozial-emotionaler Kompetenzen für Lehramtsstudierende.

Das Training: Inhalte, Methoden, Evaluation

Die sozial-emotionale Kompetenz setzt sich aus verschiedenen kognitiven, emotionalen und behavioralen Fähigkeiten und Fertigkeiten zusammen (Durlak et al., 2015). Personen mit ausgeprägter sozial-emotionaler Kompetenz können komplexe Emotionen und ihre Auswirkungen auf das eigene Handeln genau wahrnehmen und präzise benennen. Ferner sind sie in der Lage, (unangenehme) Emotionen über angemessene Herangehensweisen zu regulieren. In der sozialen Interaktion können sie die Perspektive der anderen Person übernehmen und sich empathisch in ihre Lage einfühlen. Schließlich nutzen sie die gewonnenen Informationen sowie ihr soziales Wissen dazu, bei der Auswahl von Verhaltensalternativen sowohl ihre persönlichen als auch die Ziele der Interaktionspartnerinnen und Interaktionspartner zu berücksichtigen. Verfügen (angehende) Lehrkräfte über diese Kompetenzen, bedeutet dies, dass sie die mit der Lehrtätigkeit auftretenden Emotionen hinsichtlich ihrer Ursachen und Auswirkungen reflektieren und angemessene Handlungsalternativen auswählen, die ihr Wohlbefinden aufrechterhalten. In der sozialen Interaktion mit Schülerinnen und Schülern wird deren Situation und emotionales Befinden in die Auswahl des eigenen Verhaltens mit einbezogen, um ein positives Miteinander zu gestalten. Im Allgemeinen verhalten sie sich gleichzeitig konsequent bezüglich der Durchführung ihres Unterrichts und dem Erreichen von Zielen als auch schülernah, d.h. sie schenken Schülerinnen und Schülern Sicherheit und Vertrauen, unterstützen sie und zeigen Interesse (Jennings & Greenberg, 2009).

Die bisher eher unzureichende Berücksichtigung dieser Kompetenz im universitären Curriculum spiegelt die eingangs erwähnten Klagen junger Lehrkräfte wider; in der Regel finden Veranstaltungen zur sozial-emotionalen Kompetenz erst in der Fortbildungsphase von bereits tätigen Lehrkräften statt. Die Implementierung des Trainings sozial-emotionaler Kompetenz in der universitären Ausbildung soll deshalb Masterstudierende beim Übergang in die Berufspraxis unterstützen, indem sie die theoretischen Grundlagen zu Emotionen, deren Regulation und sozialen Interaktionen im schulischen Kontext erlernen, diese vertiefen und in praktische Anwendungsfähigkeiten übersetzen.

So sollen sie  das vermittelte Wissen z.B. anhand von Fall- bzw. Videovignetten anwenden und weiter elaborieren. Ferner wird die Einübung der Fähigkeiten über praktische Hausaufgaben sowie Rollenspiele (u.a. mit Videofeedback) unterstützt, um den  Transfer in die Praxis zu gewährleisten (s. Kasten für ein konkretes Beispiel).

Wahrnehmung und Benennung sowie Regulation eigener Emotionen

Theoretische Einführung.

Durch einen Input der Trainingsleitenden zu Emotionstheorien, Theorien zur Emotionsregulation und assoziierten empirischen Befunden wurde den Teilnehmenden das nötige Wissen für eine umfassende Auseinandersetzung mit den eigenen Emotionen vermittelt.

Elaboration des Gelernten.

Unter anderem sollten die Trainingsteilnehmenden in Kleingruppen über positive und negative Aspekte unterschiedlicher Regulationsstrategien und ihrer Anwendbarkeit im schulischen Alltag diskutieren. Anschließend wurden die Erkenntnisse aus den Diskussionen im Plenum gesammelt, Widersprüche aufgeklärt und die Ergebnisse gesichert.

Transfer des Gelernten.

Im Rahmen einer Hausaufgabe wurden die Trainingsteilnehmenden dazu aufgefordert, ihr eigenes emotionales Erleben im Alltag zu beobachten. Emotionsauslösende Situationen, die jeweils ausgelöste Emotion sowie Tendenzen zur Emotionsregulation (s. untenstehende Abbildung) wurden hierfür über insgesamt mehrere Wochen einmal täglich in einem Tagebuch festgehalten. Auf diese Weise konnte das im Training Gelernte aktiv in den Alltag transferiert werden.

Abb 1: PowerPoint-Folie mit einer Sammlung von im Emotionstagebuch genannten Reaktionen auf (sehr) unangenehme Emotionen.

Die Entwicklung der Trainingsinhalte erfolgte auf Basis von Erkenntnissen empirischer psychologischer Forschung und orientierte sich an bereits bestehenden und positiv evaluierten Interventionen, die auf Teilbereiche der sozial-emotionalen Kompetenz fokussieren (z.B. Steins et al., 2015; Vesely et al., 2014). Die Evaluation des Trainings insgesamt wird über ein Pretest-Posttest-Kontrollgruppen-Design realisiert und soll darüber Aufschluss geben, ob diese Intervention wirksam ist und von den Studierenden angenommen wird.

Aktueller Stand im Sommersemester 2017

  • nach SoSe 2016 (Pilotierung) und WiSe 2016/17 bereits die dritte Durchführung des Trainingsprogramms in drei Kursen à 17-20 Teilnehmenden
  • hohe Akzeptanz der Studierenden für dieses Trainingsangebot
  • hohe wahrgenommene Relevanz und Nützlichkeit für die Arbeit im schulischen Lehramt (s. Abb. 2)
  • statistisch signifikante Anstiege in vielen Teilbereichen der sozial-emotionalen Kompetenz (während Werte in Vergleichsgruppen stabil blieben)

Abb. 2: Offenes Feedback einzelner Trainingsteilnehmenden

Ausblick

  • weitere Durchführungen des Trainings
  • Trainingsgruppen mit Studierenden, die bei sich selbst einen besonderen Entwicklungsbedarf im Bereich der sozial-emotionalen Kompetenz sehen
  • Erstellung eines Manuals, in dem alle Inhalte und Aktivitäten des Trainingsprogramms ausführlich dargestellt werden

 

Literaturangaben

Cornelius-White, J. (2007). Learner-Centered Teacher-Student Relationships Are Effective: A Meta-Analysis. Review of Educational Research, 77(1), 113–143.

Durlak, J. A., Domitrovich, C. E., Weissberg, R. P., & Gullotta, T. P. (Eds.). (2015). Handbook of Social and Emotional Learning: Research and Practice (2nd ed.). New York.

Jennings, P. A., & Greenberg, M. T. (2009). The Prosocial Classroom: Teacher Social and Emotional Competence in Relation to Student and Classroom Outcomes. Review of Educational Research, 79(1), 491–525.

Steins, G., Haep, A., & Wittrock, K. (2015). Technology of the Self and Classroom Management—A Systematic Approach for Teacher Students. Creative Education, 06(19), 2090–2104.

Vesely, A. K., Saklofske, D. H., & Nordstokke, D. W. (2014). EI training and pre-service teacher wellbeing. Personality and Individual Differences, 65, 81–85.

 

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