Informatik

Doktorand:
Lars-Arne Raffel
lars.raffel@email.uni-kiel.de
Institut für Informatik
Theoretische Informatik

Betreuende:
Prof. Dr. Heidrun Allert
Institut für Pädagogik
Medienpädagogik/Bildungsinformatik

Prof. Dr. Andreas Mühling
Institut für Informatik
Fachdidaktik Informatik

Ergebnisse Frühjahr 2018 (PDF)


“Medienbildung gestalten – Ein Modul im Lehramtsstudiengang Informatik”

Schulische Medienbildung als Gestaltaufgabe

Basierend auf dem Strategiepapier “Bildung in der digitalen Welt”, das die Kultusministerkonferenz im Dezember 2016 verabschiedet hat, sind Schulen ab 2018 dafür verantwortlich, schulische Mediencurricula zu entwickeln und Fachcurricula um medienspezifische Zugänge zu erweitern. Medienbildung soll auf diese Weise in alle Klassenstufen und Schulfächer integriert werden.

Wir fassen die Entwicklung von Mediencurricula als Gestaltaufgabe auf, zum einen ganz profan aus dem Grunde, dass es sich um die “Konzeption und Realisation neuer Dinge” (Cross 1982) handelt. Gleichzeitig erkennen wir auch Charakteristika von Design work im Interaction Design (Löwgren 2007): Es gilt, in einer gegebenen Situation organisatorische und personelle Rahmenbedingungen, technologische Optionen, fächerspezifische wie auch allgemein mediendidaktische Konzepte produktiv miteinander in Beziehung zu setzen, um eine Verbesserung schulischer Medienbildung zu erreichen. Dabei müssen durch Offenheit unterschiedliche Zukunftsoptionen erkundet und neben praktischen, technischen und pädagogischen auch ethische und ästhetische Qualitäten von Lösungen bewertet werden.

Herausforderung für die Lehrkräftebildung

Das Lehramtsstudium muss Studierende unterschiedlicher Fachrichtungen auf diese komplexe Aufgabe vorbereiten, die sich Ihnen in Schule stellen wird. Insbesonder gilt dies für Lehramtsstudierende der Informatik, denen Technikaffinität und Fachkompetenz für den Umgang mit digitalen Medien zugeschrieben wird. Aktuell ist das Thema Medienbildung im Fachstudium aber nicht vertreten. Die Studierenden müssen in die Lage versetzt werden, die entsprechenden Gestaltungsprozesse etwa schulischer Mediencurricula mit Lehrkräften anderer Fächer moderieren und leiten zu können. Mittelbar wird so die Medienbildung an Schulen und die Medienkompetenz bei Schülerinnen und Schülern gestärkt.

Das direkte Ziel des Teilprojekts ist so die forschungsbasierte Entwicklung und Evaluation eines Moduls, das Lehramtsstudierende der Informatik in die Lage versetzt, die Schulentwicklung in Bezug auf das Lehren und Lernen mit digitalen Medien verantwortlich zu gestalten. Vor dem Hintergrund der Bedeutung unterschiedlicher fachlicher Zugänge für die realen Prozesse in der Schule ist das Modul trotz seiner inhaltlichen Ausrichtung auf Informatikstudierende im Lehramtsprofil angesiedelt.

Grundlagen und Anknüpfungspunkte

Epistemische Überzeugungen von Studierenden stellen in Bezug auf Gestaltungsprozesse den Anknüpfungspunkt für die Seminarkonzeption dar. Diese stellen als *knowing-with* eine Orientierung dafür dar, welches Wissen innerhalb einer Community of Practice – etwa einer Berufsgruppe – gewusst werden sollte und enthalten Strategien, relevante Fragen zu identifizieren, Informationen zu gewinnen und diese sowie Ergebnisse zu bewerten. Darüber hinaus beziehen epistemische Überzeugungen Methoden für die Rechtfertigung und Erläuterung von Ergebnissen innerhalb der Community ein. Sie werden als Teil professioneller Identität wahrgenommen. (Shaffer 2006)

Wir argumentieren dabei praktiktheoretisch (Schatzki 2012, Hörning 2001) und stellen Praktiken, in denen epistemische Überzeugungen hervorgebracht werden, in den Mittelpunkt der Analyse. Soziale Praktiken lassen sich als Muster von Handlungen verstehen, die aus einer wiederholten Interaktion von Individuen und Gruppen mit der sie umgebenden Welt emergieren. Sie erlauben es, den Beteiligten gemeinsame Erwartungen zu entwickeln, wie in spezifischen Situationen zu handeln ist (Hörning 2001). Richter/Allert (2017) und weisen vor diesem Hintergrund darauf hin, dass nicht ganze Berufsgruppen eine Überzeugung teilen, sondern diese vielmehr situiert in wiederholten Interaktionen zwischen Beteiligten in einem konkreten Designprojekt als “kognitive Nische” entstehen.

Forschungsinteresse

Das Erkenntnisinteresse richtet sich auf eine mögliche Veränderung jener epistemischen Überzeugungen, die Studierende im Rahmen der Gestaltung von Software in ihrem Hauptfach erworben haben, im Zuge der Gestaltung von Mediencurricula. Es ist anzunehmen, dass die Studierenden nicht einfach ihre epistemische Überzeugung wechseln, wenn sich der Kontext, das Fach oder das Objekt der Gestaltung ändern, sondern vielmehr in Lernprozessen als transformativen Praktiken (Schatzki 2012) eine Transformation/Transition dieser stattfindet.

Um diese Transformation beobachten zu können, wurden sowohl in Interviews als auch Dokumentenanalysen und Beobachtungsdaten aus studentischen Gruppenarbeiten zunächst in einem Softwareprojekt in der Informatik erhoben. Im weiteren Verlauf werden Projekte, in denen Studierende Mediencurricula gestalten, untersucht, und strukturiert zu den Daten der Softwareprojekte in Beziehung gesetzt. Die Datenanalyse nutzt ein konzeptionelles Framework, das Gestaltung als soziomateriale Praktik konzipiert (Allert/Richter 2017) und bereits in einer Reihe von Untersuchungen zu kreativem Design angewandt wurde. Es fokussiert Relationen, etwa zwischen Gestaltenden, Nutzerinnen und Nutzern, Produkt und dem Prozess der Gestaltung, die in Praktiken zum Ausdruck kommen und diese gleichzeitig mit formen.

Erste Erkenntnisse

Erste Ergebnisse verweisen darauf, dass es (1) offenbar unterschiedliche epistemische Überzeugungen von Informatikstudierenden in Hinblick auf die Gestaltung von Softwareprojekten zu geben scheint. Zudem scheint (2) die Annahme, dass epistemische Überzeugungen nicht einfach gewechselt werden, eine Bestätigung zu erfahren. So lassen sich Optimierung und Effizienz als Ziele der Arbeit in Softwareprojekten in ersten Versuchen, Mediencurricula zu gestalten, nachweisen. Studierende beschreiben (3) ihre Gestaltpraktiken als Teil ihrer Identität als effiziente Problemlöserinnen und Problemlöser. Darüber hinaus scheint es (4) so, als ob eine Transformation im Pilot des Moduls vor dem Hintergrund der stattgefunden hat, die auch Subjektivierungsprozesse von Studierenden beeinflusst hat. Hier gilt es im kommenden Semester neben der Verbreiterung der Datenbasis vor allem auch, kritische Punkte für diese Transformation/Transition zu identifizieren.

Die Studie ist insofern von Relevanz, als dass einerseits die aktuellen KMK-Vorgaben, immer vermittelt durch die epistemischen Überzeugungen derjenigen, die sie umsetzen, in der Schule kommen. Einzelne dieser Überzeugungen sowie Ideen der Ergebnisse dieser Vermittlung werden hier sichtbar. Andererseits ermöglicht die Studie, Aussagen über eine mögliche Bedeutung epistemischer Überzeugungen als Anknüpfungspunkte für didaktische Konzepte in der Lehrkräftebildung zu treffen.

 

Literaturangaben

Cross, N. (1982). Designerly ways of knowing. Design studies, 3(4), 221-227.

Hörning, K.H. (2001): Experten des Alltags. Weilerswist: Velbrück.

KMK (2016). Bildung in der digitalen Welt. Strategie der Kultusministerkonferenz vom 08.12.2016. Retrieved from https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/pdf/PresseUndAktuelles/2016/Bildung_digitale_Welt_Webversion.pdf, abgerufen am 19. Juli 2017.

Löwgren, J. (2007): »Forskning om digitala material«. In: Under ytan: Om designforskning, ed. Sara Ilstedt Hjelm, Raster Förlag, Stockholm, 2007

Richter, C. & Allert, H. (2017). Different Rationalities of Creative Design – A Comparative Case Study. In: A. Chakrabarti, & D. Chakrabarti (Eds.). Proceedings of ICoRD 2017 – Research into Design for Communities, Band 1 (S. 3-13). Singapur: Springer Nature.

Shaffer, D.W. (2006). Epistemic frames for epistemic games. Computers & Education, 46(3), S. 223- 234.

Schatzki, T.R. (2012). A Primer on Practices. In: J. Higgs et al. (Eds). Practice-Based Education: Perspectives and Strategies (pp. 13-26). Rotterdam: Sense Publishers.

 

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.