Schulpädagogik

Doktorandin:
Aylin Yilmaz, M.A.
yilmaz@paedagogik.uni-kiel.de
Institut für Pädagogik
Abteilung Schulpädagogik

Betreuer:
Prof. Dr. Thilo Kleickmann
Institut für Pädagogik
Abteilung Schulpädagogik

Ergebnisse Frühjahr 2018 (PDF)


“Projekt: Klassenführung – Entwicklung und Evaluation eines Kurses für Sportlehramtsstudierende”

Durch Techniken effektiver Klassenführung können Lehrkräfte komplexe Unterrichtssituationen (Doyle, 1986) planen und strukturieren, um damit ausreichend aktive Unterrichtszeit für das Lernen der Schülerinnen und Schüler bereitzustellen (Seidel & Shavelson, 2007). Klassenführung umfasst in diesem Sinne präventive als auch reaktive Maßnahmen, wie sie die Etablierung von Regelsystemen als auch der Umgang mit konkret auftretenden Störungen im Unterricht darstellen. Metaanalysen identifizieren Klassenführung als Schlüsselmerkmal der Unterrichtsqualität: Je besser die Klassenführung, desto höher ist der Lern- und Leistungsfortschritt der Schülerinnen und Schüler (Emmer & Evertson, 2013; Hattie, 2009; Hellermann et al., 2015; Helmke, 2015; Holzberger & Kunter, 2016; Pianta et al., 2008; Seidel & Shavelson, 2007). Auch ist bekannt, dass Unterrichtsstörungen als der Stressor aus Sicht von Lehrkräften als auch von Schülerinnen und Schülern bezeichnet werden (Helmke, 2015; Kiel et al., 2013). Eine effiziente Klassenführung ist notwendig, um diesen Stressoren entgegenzuwirken. Zudem hat sich in verschiedenen Studien gezeigt, dass die für eine effektive Klassenführung notwendigen Kompetenzen durch nachhaltig implementierte Interventionen erlernbar sind (Dicke et al., 2014; Emmer & Stough, 2001; Oliver et al., 2011; Voss et al., 2015). Trotz der Relevanz des Themas findet dieses in Deutschland vergleichsweise wenig Beachtung in der universitären Ausbildung von Lehrkräften (Hellermann et al., 2015; Helmke, 2015; Ophardt & Thiel, 2008). Forschungsbasierte Programme zur Förderung anwendbaren Wissens über Klassenführung sind bislang überwiegend für Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst oder jene, die bereits berufserfahren sind, vorhanden (COMP, 2012; Kiel et al., 2013; Ophardt et al., 2017). Möglichkeiten, Wissen um Merkmale und Prozesse effektiver Klassenführung bereits frühzeitig – im Rahmen der ersten Phase der Lehramtsausbildung – zu erwerben, sind unterrepräsentiert.

Gegenstand des Projektes ist die Entwicklung und Evaluation eines Kurses für Lehramtsstudierende mit dem Ziel der Förderung des deklarativen und prozeduralen Wissens über Klassenführung. Der konzipierte Kurs fokussiert dabei allgemeine Aspekte von Klassenführung sowie präventive und reaktive Strategien einer Lehrkraft. Schwerpunktmäßig werden dabei Theorien zur Klassenführung, Unterrichtsstörungen und Allgegenwärtigkeit der Lehrkraft, Regeln und Routinen, Gruppenfokus und die Gestaltung von Übergängen thematisiert. Auf Ebene der Unterrichtsstörungen wird bspw. deklaratives Wissen durch die Vermittlung von Wissen über Formen von Störungen im Unterricht gefördert. Prozedurales Wissen wird gestärkt, indem Störungen im Unterricht erkannt und interpretiert werden. Das Verfahren des Microteachings als effektive Methode in der Aus- und Weiterbildung von (angehenden) Lehrkräften (Hattie, 2014) ist darüber hinaus fester Bestandteil des Kurses.

Professionelles Wissen, insbesondere pädagogisches Wissen, wird als zentrale Voraussetzung für eine effektive Klassenführung angesehen (Baumert & Kunter, 2006; KMK, 2014) und schult eine professionelle Wahrnehmung von Unterrichtsereignissen (Gold & Holodynski, 2015; Hellermann et al., 2015; Klusmann et al., 2012; Voss et al., 2014, 2015; Sherin et al., 2007). Durch eine fachdidaktische Konkretisierung (Klassenführung im Schwimmunterricht) findet neben einer Verknüpfung von Theorie und Praxis zudem eine Vernetzung von Professionswissen im Projekt statt. Für Lehramtsstudierende an der CAU ergibt sich durch eine Verknüpfung von formal-theoretischem und praktischem, handlungsnahem Wissen (Baumert & Kunter, 2006, 2011; Fenstermacher, 1994; Terhart, 2000) demnach die Möglichkeit, eines für die berufliche Praxis notwendigen Professionswissens bereits frühzeitig auszubilden.

Im Rahmen einer quasi-experimentellen Studie wurde die Wirksamkeit des Kurses im Hinblick auf die Förderung deklarativen und prozeduralen Wissens über Klassenführung im Schwimmunterricht evaluiert. Die Studie fand im Rahmen eines für Sportlehramtsstudierende verpflichtenden Praxismoduls am Ende des Bachelorstudiums statt. Im Rahmen des Praxismoduls bereiteten die Studierenden (N = 84) in Teams von bis zu vier Personen Schwimmunterricht für kleine Gruppen von Schülerinnen und Schülern (N = 10-12) vor und führten diesen durch. Die Studierenden wurden einer Experimental- und einer Kontrollgruppe zugeteilt, wobei die Teilnehmendenden Experimentalgruppe an einem 12stündigen Kurs zur Klassenführung teilnahmen. Die Kontrollgruppe erhielt kein Treatment. Im Rahmen der Präerhebung wurde auf Ebene aller Studierenden (N = 84) ein Test zum Wissen über Klassenführung ausgefüllt. Nach der Intervention folgten zwei weitere Befragungen. Die Effizienz der Klassenführung wurde im Rahmen einer Unterrichtsbeobachtung durch zwei geschulte und unabhängige Raterinnen anhand eines standardisierten Ratingmanuals auf Gruppenebene (N = 25) erhoben. Zusätzlich wurden alle Studierenden zu acht Messzeitpunkten zu ihrem emotionalen Belastungserleben befragt.

Im Vergleich zur Kontrollgruppe wies die Experimentalgruppe ein verbessertes Wissen über Klassenführung in den Post- und Follow-Up-Erhebungen auf. Sportlehramtsstudierende der Experimentalgruppe zeigten ebenfalls eine verbesserte Effizienz der Klassenführung in den Schwimmunterrichtsstunden, die nach der Intervention folgten. Darüber hinaus wies die Experimentalgruppe über die Messzeitpunkte hinweg eine größere Reduzierung des emotionalen Belastungserlebens auf. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass sowohl eine nachhaltige Förderung des Wissens über Klassenführung als auch eine tatsächliche Anwendung erworbener Kerntechniken von Klassenführung in der Unterrichtssituation durch einen universitären Kurs ermöglicht resp. verbessert werden können.

 

Literaturangaben

Baumert, J. & Kunter, M. (2006). Stichwort: Professionelle Kompetenz von Lehrkräften. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 9(4), 469-520.

Baumert, J. & Kunter, M. (2011). Das Kompetenzmodell von COACTIV. In M. Kunter, J. Baumert, W. Blum, U. Klusmann, S. Krauss & M. Neubrand (Hrsg.), Professionelle Kompetenz von Lehrkräften. Ergebnisse des Forschungsprogramms COACTIV (S. 29-53). Münster: Waxmann.

COMP (Classroom Organization and Management Program) (2012). Access on 26th, April 2016 from http://www.comp.org/AboutCOMP.html

Emmer, E. T. & Evertson, C. M. (2013). Classroom Management for Middle and High School Teachers. 9th Edition. Boston a.o.: Pearson.

Fenstermacher, G.D. (1994). The knower and the known: the nature of knowledge in research in teaching. In L. Darling-Hammond (Ed.), Review of Research in Education (pp. 3-56). Washington, DC: American Educational Research Association.

Hellermann, C.; Gold, B. & Holodynski, M. (2015). Förderung von Klassenführungsfähigkeiten im Lehramtsstudium. Die Wirkung der Analyse eigener und fremder Unterrichtsvideos auf das strategische Wissen und die professionelle Wahrnehmung. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 47/2, 97-109.

Helmke, A. (2015). Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität. Diagnose, Evaluation und Verbesserung des Unterrichts (S. 168-189). Klett Kallmeyer: Seelze-Velber.

Dicke, T.; Ellin, J.; Schmeck, A. & Leutner, D. (2015). Reducing reality shock: The effects of classroom management skills training on beginning teachers. Teaching and Teacher Education, 48, 1-12.

Doyle, W. (1986). Classroom organization and management. In M.C. Wittrock (Ed.), Handbook of research on teaching (3rd Edition) (pp. 392-431). New York: Macmillan

Ophardt, D. & Thiel, F. (2008). Klassenmanagement als Basisdimension der Unterrichtsqualität. In M. Schweer (Hrsg.), Lehrer-Schüler-Interaktion. Inhaltsfelder, Forschungsperspektiven und methodische Zugänge (S. 258-282). Wiesbaden: VS-Verlag.

Seidel, T. & Shavelson, R. (2007). Teaching Effectiveness Research in the Past Decade: The Role of Theory and Research Design in Disentangling Meta-Analysis Results. Review of Educational Research, 77/4, 454-499.

 

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