Wirtschaft/Politik

Doktorand:
Julian Wollmann
jwollmann@politik.uni-kiel.de
Institut für Sozialwissenschaften
Fach Politikwissenschaft

Betreuer:
Prof. Dr. Andreas Lutter
Institut für Sozialwissenschaften
Fach Politikwissenschaft

 

 

Ergebnisse Frühjahr 2018 (PDF)


“Entwicklung einer Intervention zur Förderung des Umgangs mit heterogenen Fachanteilen in sozialwissenschaftlichen Schulfächern”

Die Entwicklung einer professionellen Handlungskompetenz von Lehrkräften ist in sozialwissenschaftlichen Integrationsfächern wie Wirtschaft/Politik auf einen produktiven Umgang mit heterogenen Fachanteilen angewiesen. So zeichnen sich die sozialwissenschaftlichen Domänen der politischen und der ökonomischen Bildung zwar durch gemeinsame Bildungsgegenstände aus, jedoch unterscheiden sie sich in ihren perspektivischen Zugängen. Die erfolgreiche Integration dieser Gemeinsamkeiten und Differenzen durch Lehrkräfte ist in der fachdidaktischen Diskussion allerdings umstritten. Daher erfolgt in diesem Projekt die Entwicklung eines Seminars mit Hilfe des Design-Based Research Forschungsansatzes. Auf Grundlage der theoretischen Probleme wurde eine erste Intervention entworfen, die in sich wiederholenden Schritten evaluiert und weiterentwickelt werden soll (siehe Abb. 1). Hierdurch sollen Studierende dabei gefördert werden, die verschiedenen Fachperspektiven im sozialwissenschaftlichen Unterricht zu integrieren. Die Implementierung des Seminars selbst wird als quasi-experimentelles Design mit Kontrollgruppe und Prätest-Posttest evaluiert.

Abb. 1: Generisches Modell des Design-Based Research (McKenney & Reeves 2012, 77). Mit Hilfe dieses Ansatzes sollen Probleme analysiert, ein Seminar entwickelt und dieses evaluiert werden.

Professionelle Handlungskompetenz von Lehrkräften stellt eine zentrale Voraussetzung für qualitativ hochwertigen Unterricht dar, welcher sich auf Leistung und Motivation der Schülerinnen und Schüler und somit deren Lernerfolg auswirkt. Zum Modell der Lehrendenprofessionalität existieren umfangreiche Studien in den naturwissenschaftlichen Fächern, aber auch zum Teil in der Fachdidaktik der politischen Bildung. Im Gegensatz zu naturwissenschaftlichen Fächern wie Biologie oder Physik, welche sich jeweils durch eine einzelne Bezugswissenschaft definieren, setzen sich sozialwissenschaftliche Schulfächer zumeist aus mehreren Bezugswissenschaften zusammen. Somit ist eine Grundbedingung für qualitativ hochwertigen sozialwissenschaftlichen Unterricht, dass die Lehrkräfte die Perspektiven der verschiedenen Bezugswissenschaften produktiv bei der Planung und Durchführung von Unterricht zusammenführen (Sander et al. 2017, 84). Allerdings existieren Befürchtungen, dass das Studium von bis zu drei Fachwissenschaften (bspw. Politikwissenschaft, Wirtschaftswissenschaften, Soziologie) kein hinreichendes Fachwissen ermöglicht (Loerwald 2008, 239) und dies schlussendlich unterrichtlich zu einer additiv ausgerichteten Stoffvermittlung in den jeweiligen Fachgebieten führe (Massing 2006, 87). Zudem besteht die Vermutung, dass geringes Fachwissen und fachdidaktisches Wissen von Lehrkräften mit Lehr-Lern-Vorstellungen einhergehen, die Frontalunterricht bevorzugen (Kruber 2005, 105). Aber auch die motivationale Orientierung von Lehrkräften in Integrationsfächern wird durch das Studium von bis zu drei Fachwissenschaften beeinträchtig. So kann es zu interessengeleiteten Schwerpunktsetzungen bei den Fachanteilen kommen, was somit wiederum die Wahl von Unterrichtsthemen und Methoden beeinflussen kann (Kirchner 2016, 251 f.).

Aufgabe der universitären Ausbildung ist es daher, den Blick von Studierenden für die fachwissenschaftliche und fachdidaktische Vernetzung der sozialwissenschaftlichen Bezugsdisziplinen zu schärfen und damit sowohl die Motivation zu steigern als auch die Reflexion eigener Überzeugungen zu ermöglichen. Um dieses Ziel zu erreichen, wird seit dem Wintersemester 2016/17 ein fachdidaktisches Seminar zum Umgang mit heterogenen Fachanteilen für Master-Studierende des Faches Wirtschaft/Politik pilotiert. Das Seminar wurde mit Hilfe des Forschungsansatzes des Design-Based Research konstruiert und soll in der Folgezeit beständig weiterentwickelt werden. Im Zentrum des Seminars steht die Auseinandersetzung mit fachdidaktischen Methoden und Modellen, welche den Studierenden dabei helfen sollen, verschiedene Fachperspektiven bei der Planung und Durchführung von Unterricht zusammenzuführen. Diese Integration der Fachperspektiven sollen Seminarteilnehmende ab dem Wintersemester 2017/18 bei der Planung und Durchführung von Lehr-Lern-Gelegenheiten in der Forschungswerkstatt der CAU in Kiel im Rahmen von Kleingruppeninterventionen mit Schülerinnen und Schülern umsetzen. Innerhalb dieser Lerndesigns werden exemplarisch Sachgegenstände des sozialwissenschaftlichen Unterrichts multiperspektivisch und interdisziplinär beleuchtet. So wird die konzeptionelle Auseinandersetzung mit der Anwendung in Unterrichtssituationen verbunden.

Abb. 2: Durchschnittliche Bewertung der Seminarsitzungen durch die Teilnehmenden anhand von fünf Items (Skala: 1 = Trifft nicht zu; 5 = Trifft voll zu).

Die ersten beiden Seminardurchführungen deuten darauf hin, dass vor allem die handlungsorientierte Auseinandersetzung mit ökonomisch geprägten Problemen und deren politischen Lösungen einen Beitrag zur Vernetzung der beiden Domänen leistet (siehe Abb. 2, Seminar 9). Planspiele bieten dabei nicht nur die Möglichkeit der Analyse und Beobachtung, sondern auch des Erlebens und machen so die Verbindung ökonomischen und politischen Denkens erfahrbar. Dieses Verständnis der Gemeinsamkeiten, aber auch der Unterschiede, eröffnet den Studierenden eine andere Perspektive auf unterrichtlich relevante Problemgegenstände. Wirtschaftliche Themen werden folglich nicht mehr ausschließlich über die Problematik von Kosten und Nutzen erschlossen, sondern auch über die Frage nach der Legitimität des Handelns und des daraus abgeleiteten politischen Regelungsbedarfs.

Abb. 3: Veränderung der Mittelwerte (MW) des fachdidaktischen Wissens bei der Interventionsgruppe (IG) und der Kontrollgruppe (KG). Bei der IG ist ein deutlicher Zuwachs im Post-Test ggü. dem Pre-Test zu erkennen.

Zudem gibt es nach den ersten Ergebnissen Hinweise darauf, dass die Studierenden sich fachdidaktisch kompetenter und somit besser auf den interdisziplinären Fachunterricht vorbereitet fühlen (siehe Abb. 3).

 

Literaturangaben

Kirchner, V. (2016). Wirtschaftsunterricht aus der Sicht von Lehrpersonen – Eine qualitative Studie zu fachdidaktischen teachers‘ beliefs in der ökonomischen Bildung. Wiesbaden: Springer VS.

Kruber, K. (2005). Ökonomische und politische Bildung – der mehrperspektivische Zugriff auf Wirtschaft und Politik. In D. Kahsnitz (Hrsg.), Integration von politischer und ökonomischer Bildung? 1. Aufl. (S. 75-110). Wiesbaden: VS, Verlag für Sozialwissenschaften.

Loerwald, D. (2008). Multiperspektivität im Wirtschaftsunterricht. In D. Loerwald, M. Wiesweg & A. Zoerner (Hrsg.), Ökonomik und Gesellschaft. Festschrift für Gerd-Jan Krol. 1. Aufl. (S. 232-250) Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften / GWV Fachverlage GmbH Wiesbaden.

Massing, P. (2006). Ökonomische Bildung in der Schule. Positionen und  Kontroversen. In G. Weißeno (Hrsg.), Politik und Wirtschaft unterrichten. (S. 80-92). Bonn: Bundeszentrale für Politische Bildung.

McKenney, S.; Reeves, T. C. (2012): Conducting Educational Design Research. Milton: Routledge.

Sander, W.; Reinhardt, S.; Petrik, A.; Lange, D.; Henkenborg, P.; Hedtke, R.; Grammes, T.; Besand, A. (2017): Was ist gute politische Bildung? Leitfaden für den sozialwissenschaftlichen Unterricht. 2. Auflage. Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verlag (Wochenschau Politik).

 

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