Unterrichtsforschung & Unterrichtseffektivitätsforschung

Im Rahmen von Unterrichtsforschung wird Unterricht mit seinen Voraussetzungen, Prozessen, Strukturen und Ergebnissen zum Gegenstand wissenschaftlicher Analysen (vgl. Helmke, 2012).

Während sich Unterrichtsforschung allgemein mit der Analyse von Lehr-Lernsituationen und -prozessen auseinandersetzt, fokussiert die Unterrichtseffektivitätsforschung die Untersuchung von Zusammenhängen zwischen konkreten Unterrichtsmerkmalen und den Lernergebnissen der Schüler*innen. Die Meta-Studie Visible learning (Lernen sichtbar machen) von John Hattie (2008, 2013) stellt einen zentralen Beitrag zur Unterrichtseffektivitätsforschung im 21. Jahrhundert dar (vgl. Lotz & Lipowsky (2016) [Link zum Forschungsfenster]).

In der Unterrichtsforschung hat sich als theoretische Grundlage das Angebots-Nutzungs-Modell von Helmke (2015) [Link zum Material] bewährt, welches ein komplexes Zusammenwirken von Einflussfaktoren auf Bedingungen von Unterricht berücksichtigt. Im Sinne dieses Modells wird Unterricht als Angebot verstanden, welches von den Lernenden in unterschiedlichem Maß angenommen werden kann.

In den letzten Jahren haben die Bedeutsamkeit und die Wahrnehmung der wissenschaftlichen Relevanz von quantitativen Ansätzen der Unterrichtsforschung stetig zugenommen. Durch komplexe statistische Analysen wird heute versucht, Wechselwirkungen zwischen individuellen Dispositionen und Lernaktivitäten der Schüler*innen einerseits, professionellen Kompetenzen und konkretem Handeln der Lehrpersonen andererseits, sowie sozialen Kontextbedingungen und Interaktionsprozessen aufzudecken (vgl. Helsper & Klieme, 2013). Ziel von Unterrichtsforschung ist es zumeist, zu generalisierbaren Aussagen zu kommen, die eine Steigerung der Unterrichtsqualität ermöglichen sollen.

Das im deutschsprachigen Raum verbreitete Modell der Basisdimensionen von Unterrichtsqualität (vgl. Kleickmann & Steffensky (2019), S. 30-33 [Link zum Forschungsfenster]) oder auch das in den USA verbreitete CLASS-Modell (s. Classroom Assessment Scoring System [Link zum Forschungsfenster]) zielen darauf ab, die zahlreichen Einflussfaktoren, die in einem Zusammenhang mit der Lernwirksamkeit des Unterrichtsgeschehens stehen, zu bündeln.

Als Basisdimensionen erfolgreichen Unterrichtens gelten eine effiziente Klassenführung (vgl. LiB-Projekt Schulpädagogik), sowie die kognitive Aktivierung und konstruktive Unterstützung der Lernenden. Die Zusammenfassung von Einflussfaktoren zu relevanten Kategorien und die Formulierung von messbaren Verhaltensindikatoren erleichtert die fokussierte Analyse des Unterrichtsgeschehens. (vgl. Baumert & Kunter 2011 [Link zum Forschungsfenster]).

Meyer (2016) [Link zum Forschungsfenster] stellt vor diesem Hintergrund die Frage „Was ist guter Unterricht?“ und  unternimmt den Versuch, die Vielzahl der empirischen Ergebnisse vor dem Hintergrund didaktischer Überlegungen für die praktische Umsetzung im Unterrichtsgeschehen nutzbar zu machen.

Die (empirische) Erfassung des Unterrichtsgeschehens kann sowohl durch Befragung der am Unterricht Beteiligten, als auch durch die Beobachtung des Unterrichtsgeschehens im Klassenraum (direkt oder durch Unterrichtsvideos) erfolgen. Hier entscheidet die Forschungsfrage über die geeignete methodische Umsetzung. Auch der Fokus der Unterrichtsforschung variiert mit der Forschungsfrage. So kann bspw. das gesamte Unterrichtsgeschehen in den Blick genommen werden, oder es werden einzelne Aspekte, wie beispielsweise die Interaktion zwischen Lehrkraft und Lernenden untersucht.

Die Analyse von Unterricht mit Hilfe von Unterrichtsvideos bildet einen Bereich der Unterrichtsforschung, in dem sich quantitative und qualitative Verfahren häufig ergänzen. .So wird die Unterrichtsvideografie beispielweise genutzt, um – wie in der Kasuistik (vgl. LiB-Projekt Sportwissenschaft)– fachspezifische Anforderungssituationen an Lehrkräfte zu entschlüsseln. Andererseits werden videografierte Unterrichtssequenzen auch verwendet, um das Handeln von Lehrkräften quantitativ empirisch auf mögliche fachübergreifende Gütekriterien von Unterricht zu untersuchen (s. Classroom Assessment Scoring System [Link zum Forschungsfenster]).

Für angehende Lehrkräfte bietet der Einsatz von Unterrichtsvideos in der universitären Lehre darüber hinaus die Möglichkeit, das theoretische Wissen auf authentische Unterrichtssituationen (s. fallbasiertes Lernen mit Unterrichtsvideos [Link zum Forschungsfenster]) anzuwenden und dient somit der Verknüpfung von Theorie und Praxis.

Auch fachspezifische Aspekte finden in der Unterrichts- und Unterrichtseffektivitätsforschung Berücksichtigung. So erfasst z.B. die TIMSS-Studie das mathematische und naturwissenschaftliche Grundverständnis und die IGLU-Studie die Lesekompetenzen von Grundschulkindern in der 4. Klasse.

 

Literatur

Baumert, J.; Kunter, M. (2011). Das Kompetenzmodell von COACTIV. In: Kunter, M. et al. (Hg.). Prfessionelle Kompetenzen von Lehrkräften. Ergebnisse des Forschungsprogramms COACTIV. Münster, New York, München, Berlin: Waxmann, S. 29-53.

Hattie, J. (2008). Visible Learning. A Synthesis of over 800 Meta-Analyses relating to Achievement. Abingdon & New York: Routledge

Hattie, J.; Beywl, W., & Zierer, K. (2013). Lernen sichtbar machen. Überarbeitete deutschsprachige Ausgabe von Visible Learning. Baltmannsweiler: Schneider

Helmke, A. (2012). Unterrichtsforschung international. In: Tenorth, H.-E. & Tippelt, R. (Hg.). Lexikon Pädagogik. Weinheim und Basel: Beltz, S. 734-737.

Helmke, A.; (2015). Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität: Diagnose, Evaluation und Verbesserung des Unterrichts: Franz Emanuel Weinert gewidmet. Seelze-Velber: Klett/Kallmeyer.

Helsper, W.; Klieme, E. (2013). Quantitative und qualitative Unterrichtsforschung – eine Sondierung. Zeitschrift für Pädagogik 59 (2013) 3, S. 283-290.

Meyer, H. (2016): Was ist guter Unterricht? Berlin: Cornelsen.

Kleickmann, T.; Steffensy, M. (2019). Reflexion von Unterrichtsqualität. In: Leitfaden für das Praxissemester an der Christian- Albrechts-Universität zu Kiel. Ein Unterstützungsangebot für schulische Mentor*innen und Studierende. S. 30-33. Verfügbar unter http://www.zfl.uni-kiel.de/de/schulpraktika/zwei-faecherpruefungsordnung-2017/Praxissemester/leitfaden-fuer-das-praxissemester [18.02.2020]

Krammer, K. (2014). Fallbasierte ernen mit Unterrichtsvideos in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung – In: Beiträge zur Lehrerinnen- und Lehrerbildung 32 (2), S. 164-175.

Lotz, M. & Lipowsky, F. (2015). Die Hattie-Studie und ihre Bedeutung für den Unterricht – Ein Blick auf ausgewählte Aspekte der Lehrer-Schüler-Interaktion. In G. Mehlhorn, F. Schulz & K. Schöppe (Hrsg.), Begabungen entwickeln & Kreativität fördern (S. 97-136). München: kopaed. Verfügbar unter: http://www.frank-lipowsky.de/wp-content/uploads/Lotz-Lipowsky-2.pdf [18.02.2020]

Pianta, R. (2009). Conceptualization, Measurement, and Improvement of Classroom Processes: Standardized Observation Can Leverage Capacity. In: Educational Researcher, Vol. 38, No. 2, 109-119.

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